Unsere Familie, 15. Jahrgang, Nummer 2, 20. Januar 1955, Seite 31

 

Situation der Gegenwart

Nimmt man einen Zirkel und beginnt damit einen Kreis zu schlagen, dann weiss man, dass man zwangslaeufig zu dem Punkt kommt, an dem man den Zirkel ansetzte, denn dort schliesst sich der Kreis. Man kann, wenn man will, die Reichsgottesgeschichte mit einem Kreis vergleichen. Nur ist dieser Kreis noch nicht ganz vollstaendig. Es fehlt ihm eine winzige Kleinigkeit, etwa so viel, wie uebrig bleibt, wenn man kurz vor dem Ausgangspunkt den Zirkel absetzt. Um diese winzige Kleinigkeit ist der Kreis noch offen. In diesem Kreis eingeschlossen ist das Volk Gottes. Ausserhalb seiner liegt die Welt mit ihrem Getriebe, mit ihrer Jagd nach Geld und Gut und Erfolg um jeden Preis und der damit verbundenen Ruecksichtslosigkeit, die unsere Gegenwart kennzeichnet und - m i t  i h r e r   F u r c h t.

Die Voelker dieser Erde werden von ihren Oberen regiert. Die Regierungen werden von der Furcht regiert, von der Furcht vor einander. Diese Furcht laesst sich nicht verschweigen. Sie kommt taeglich auf mannigfache Weise zum Ausdruck und teilt sich so den Voelkern mit. Sie ist auf diese Weise der wesentlichste Bestandteil alles Denkens und Planens in der Welt geworden. Sie durchsickert das taegliche Leben der Kleinen und der Grossen, und jeder fragt sich, ganz gleich, wo er im Weltgetriebe steht: Was wird morgen sein? Und uebermorgen?

Es gab Zeiten, in denen man mit einer gewissen Sicherheit in das Morgen oder Uebermorgen planen konnte, ohne dabei hellseherische Eigentschaften entwickeln zu muessen. Das waren aber Zeiten ohne Furcht. Zumindest ohne diese schlimme Furcht der Gegenwart. Ohne die Bedrohung, die heute den ganzen Erdkreis in ihren Bann gezogen hat und die ihr Vorhandensein der Gottesferne verdankt, in die sich die Menschheit verirrt hat. So sehr verirrt hat, dass noch zu keiner Zeit jener Satz, den ein Weiser dieser Erde einmal praegte, mehr Berechtigung hatte als in unseren Tagen: 'Es ist der Mensch des Menschen groesster Feind!'

Das also ist die Situation der Gegenwart ausserhalb dieses Kreises.

Im Innern dieses Kreises befindet sich eine verhaeltnissmaessig kleine Schar Menschen, die - der ein frueher, der andere spaeter - der Gottesferne entrann und in Gottes Naehe rueckte. Und je naeher sie Gott kam, um so mehr verschwand die Furcht, die schliesslich ganz und gar abgeloest wurde von der Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn. Diese Hoffnung wandelte sich in Glauben - bei dem eien frueher, bei dem anderen spaeter - als der Hirte dieser kleinen Schar geistgetaufter Seelen, der Stammapostel, die Offenbarung der Wiederkehr des Herrn noch zu seiner Lebenszeit verkuendete. Und nun ist in den Seelen der Gotteskinder dieser Glauben wiederum einer Wandlung zur Gewissheit unterworfen. Von Furcht ist hier keine Rede mehr. Diese kleine Schar Gotteskinder lebt zwar i n dieser Welt, denn das ist ihr verordnet wie allen anderen Menschen auch, aber sie ist nicht mehr v o n dieser Welt, und damit ist die Furcht von ihnen genommen. Sie hat einfach keine Existenzmoeglichkeit in ihren glaeubigen Herzen. Die Gotteskinder machen sich zwar auch Gedanken ueber ihre Zukunft, aber das sind frohe Gedanken, denn i h r Morgen und Uebermorgen bedeutet ihre Vereinigung mit dem Herrn, bedeutet ihr Herausheben aus der Welt und ihrem Getriebe in das Reich, in dem die goetliche Dreieinheit regiert.

Es ist inzwischen merkwuerdig still geworden um jene Spoetter, die das Volk Gottes wegen seinem immer mehr zu Gewissheit reifenden Glauben an die nahe bevorstehende Wiederkunft Christi laecherlich zu machen versuchen. Es ist bei diesem jahrelangen Versuch geblieben, denn immer machtvoller erheben sich die Stimmen ueberall in den Voelkern der Erde von dem Kommen des Herrn. Das Mitternachtsgeschrei wird immer vernehmlicher und es hat nun auch auf Voelker uebergegriffen, die keine Christen sind. Es ist in diesem Zusammenhang interessant, was ein Missionar von den Arabern zu berichten weiss, die bekanntlich dem Islam angehoeren und Mohammed als den Propheten Gottes verehren. Er schreibt unter anderem:

"Meine Begegnungen mit Arabern haben mir eine ergreifende und bis dahin wenig bekannte Tatsache offenbart: Auch die A r a b e r erwarten die Wiederkunft Christi! - Die Hueter der Omar-Moschee in Jerusalem z.B. sagen, dass die Goldene Pforte - die heute vermauert ist - sich nur noch eimal oeffnen werde, und zwar, um den wiedergekommenen Christus einziehen zu lassen. - In Algerien sagen die Muselmanen: Heute gilt Christus auch unter uns als ein grosser Prophet. Wenn er aber wiederkommt, wird er der Herr der Welt sein. - Ueberall aber sagen die Mohammedaner: Unser Zeitaler geht zu Ende. Die Wiederkunft Christi wird ploetzlich hereinbrechen... Ein arabischer Lehrer sagte: Alle Tage predigt man in allen Moscheen waehrend des Ramadan (=mohammedanischer Fasten-Monat), dass Christus eines Tages wiederkommt und die Welt richten wird. - Im Hintergrund mancher Moschee ist zu lesen: "S i d n   A i s a  ( d. h.  J e s u s  C h r i s t u s ) ist der Prophet Gottes. Lasst uns an ihn glauben!" - Als ich mit einem Priester ueber diese Dinge sprach, sagte er mir, ganz Arabien und ganz Marokko glaubt das."

Wir wollen uns in diesem Zusammenhang auch an den Bericht ueber die Reise des Apostels Rockenfelder nach der Tuerkei erinnern. In Istanbul erzaehlte ihm Schwester Barkinay etwas Aehnliches ueber die Einstellung der Muselmanen zur Wiederkunft Christi. ("Unsere Familie" Nr 16/1965, Seite 369).

Zu Beginn dieser Betrachtung war die Rede von einem Kreis, der noch nicht ganz vollstaendig sei und an dem noch eine winzige Kleinigkeit fehlte, um ihn zu schliessen. Die Ereignisse auf dieser Erde zeigen uns jeden Tag mehr, wie diese Kleinigkeit taeglich winziger wird, bis der Kreis ganz ploetzlich geschlossen wird.

Hat es das je schon auf Erden gegeben, dass sich Christen von Mohammedanern belehren lassen mussten, weil die letzteren eine groessere Einsicht in die Dinge des Glaubens bekunden?

Den dieser Welt mit Haut und Haar verschriebenen Menschen sagt dies sicher nicht viel, vielleicht sogar gar nichts. Aber uns wird es immer klarer, warum der Stammapostel den Herrn t a e g l i c h erwartet.

Erich Meyer-Geweke

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