Klaus Saur

 

Apostel, Bischöfe, Bezirksämter sowie Gemeindevorsteher und Bezirksbeauftragte für Öffentlichkeitsarbeit der Gebietskirchen Baden-Württemberg und Bayern

- Kopie zur Kenntnis: Bezirksapostel i.R. Kühnle sowie die Apostel, Bischöfe und Bezirksämter in Ruhestand-

23.01.2001

KS/MO

B-B/W 07

 

Die Neuapostolische Kirche und die "Ökumene"

 

Meine lieben Brüder,

in einem Schreiben an die Bezirksapostel hat unser Stammapostel unter anderem darauf hingewiesen, dass von Amtsträgern und Geschwistern immer wieder Anfragen zum Thema "Ökumene" kommen. Deshalb habe er die Projektgruppe "Ökumene" beauftragt, hierüber je einen Artikel für die "Leitgedanken" und für die deutschsprachige Ausgabe der Zeitschrift "Unsere Familie" zu verfassen.

Beigefügt erhaltet ihr nun als Vorabinformation den Artikel für "Unsere Familie", da bis zur Veröffentlichung noch ein wenig Zeit verstreichen wird.

Dieser Artikel stellt auch eine ausführliche Ergänzung dar zu den betreffenden Ausführungen anlässlich der "Informationsabende für Amtsträger und Geschwister im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit", welche die Bezirksvorsteher mit Schreiben vom 19.12.2000 erhalten haben. Die in diesem Zusammenhang herausgegebenen Erklärungen zum Thema "NAK und Ökumene" enthielten bereits die Ankündigung, dass weitere Informationen zu gegebener Zeit folgen werden.

Gerne hoffe und wünsche ich, dass ihr aufgrund der übersichtlich aufbereiteten Informationen des beigefügten Artikels auch in der Lage seid, entsprechende Fragen aus dem Kreis der Amtsträger und Geschwister zu beantworten.

 

Mit herzlichen Grüßen

euer Klaus Saur

Anlage

Neuapostolische Kirche Baden-Württemberg, K.d.ö.R

Neuapostolische Kirche, K.d.ö.R.

Verwaltung Telefon (0711) xxxxxx

Postfach, 70 03 13, D-xxxxxx Stuttgart

Heinestrasse 29, D-xxxxxx Stuttgart (Degerloch) Telefax (0711) xxxxxxx

Privat: xxxxxxxx Telefon: xxxxxxxxxxxx

 

 

Beitrag für "Unsere Familie" / Rubrik "Zum Thema"

Neuapostolische Kirche und Ökumene

 

In dem neuen Dokumentarfilm über die Neuapostolische Kirche, "Lebendig wie das Christentum vor 2000 Jahren" (siehe UF 17/00), wird Stammapostel Richard Fehr auf das Thema Ökumene angesprochen. Seine Antwort auf die Frage, welche Beziehungepunkte es zwischen der Neuapostolischen Kirche und der Ökumene gebe, lautet: Ich mache mir ernsthaft Gedanken darüber und habe kürzlich extra eine Projektgruppe gegründet, die mir Vorschläge ausarbeiten soll: wie sieht die Zukunft aus, gehen wir in Richtung Ökumene oder nicht. Ich tendiere für eine Öffnung der Kirche."

Diese, für manche Glaubensgeschwister ungewohnten Töne, haben Fragen aufgeworfen, die wir an dieser Stelle mit Hintergrundinformationen beantworten wollen, um das Thema qualifiziert zu bewerten.

 

Bisheriger Stand

Die Neuapostolische Kirche hatte bis in die jüngste Zeit hinein eine eher distanzierte Haltung zur ökumenischen Idee und Bewegung. Stammapostel Walter Schmidt lehnte beispielsweise in 1963 die Einladung zu einem Gespräch beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK in Genf) ab. Als Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre die Öffentlichkeitsarbeit unserer Kirche stärker an Bedeutung gewann, kam es jedoch vermehrt auch zu Kontakten mit Mitgliedern anderer Kirchen, zum Teil auch mit Kirchenführern, in deren Verlauf sich die Frage unserer Haltung zur Ökumene neu stellte. Dies nicht auch zuletzt deshalb, weil in der ökumenischen Idee und Bewegung selbst in den Jahren ihres Bestehens eine deutliche Veränderung wahrzunehmen ist.

 

Was bedeutete das Wort "Ökumene" ursprünglich?

Das aus dem Griechischen stammende Wort Ökumene leitet sich ab von oikeo, d.h. wohnen, und damit letztlich von oikia, d.h. Haus. Gemeint ist damit zunächst die gesamte Menschheit in ihrem Sozial- und Gemeinwesen. In der Antike verstand man darunter somit: Die ganze von Menschen bewohnte Welt, also die gesamte Menschheit im Gegensatz zu den unbewohnten - und damals überwiegend unbekannten - Regionen der Erde. Der Begriff hatte also eine eher politische Bedeutung, die im römischen Reich mit der Fixierung auf den jeweiligen Kaiser, besonders Nero (37 bis 68 n.Chr.) und Marc Aurel (121 bis 180 n.Chr.), noch verstärkt wurde. (1)

 

Wie hat sich der Begriff "Ökumene" in der Kirchengeschichte entwickelt?

In den kirchenoffiziellen Gebrauch kam der Begriff Ökumene erst mit der Einführung der Konzilien. So berief Kaiser Konstantin 326 n.Chr. das Konzil von Nizäa ein, "um den Leib der ganzen Ökumene zu heilen." (2) Der einen Herrschaft des Kaisers sollte "die eine katholische Kirche in der Ökumene" entsprechen [Anmerkung des Verfassers: "katholisch" ist in diesem Zusammenhang als "weltumfassend, allgemein" zu verstehen]. Dieses Verständnis wurde knapp 60 Jahre später auf dem Konzil von Konstantinopel (361 n.Chr.) bestätigt. (3)

Im 6. Jahrhundert entzündete sich am Begriff Ökumene ein bis heute nicht vöIlig ausgeräumter Konflikt zwischen Rom und den orthodoxen Ostkirchen, weil das Adjektiv oikumenikos zwischenzeitlich zu einer Art Synonym für die Ostkirchen und ihren byzantinischen Einfluss geworden war. Dem Grunde nach ging und geht es dabei um die "Rechtgläubigkeit" und die damit zusammenhängenden Ansprüche. (4)

Die in der Reformationszeit (16./17. Jahrhundert) mit dem Begriff Ökumene verbundene Hoffnung, eine einheitliche, nicht zersplitterte Christenheit zu erreichen, erfüllte sich bekanntlich nicht. Die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts förderte jedoch den Prozess der Wiederannäherung, ganz besonders im englischen Empire, allerdings jeweils ohne offizielle Beteiligung der römisch-katholischen Kirche.

Ab dem 19. Jahrhundert wurde der Begriff verstärkt durch den Protestantismus geprägt. Bei der Gründung der Evangelischen Allianz 1846 wurde als Ziel "ein ökumenischer Zusammenschluss der wahren Gläubigen über alle konfessionellen und nationalen Grenzen hinweg" genannt (5). Es ist in diesem Zusammenhang sehr interessant festzustellen, wie parallele Gedankengänge auch in der katholisch-apostolischen Kirche (Vorläuferin unserer Kirche) zu finden waren. Erinnert sei dabei nur an das "Testimonium an alle kirchlichen und weltlichen Oberhäupter" der englischen Apostel aus dem Jahr 1836, in dem alle christlichen Kirchen aufgefordert wurden, sich unter der Leitung der Apostel zu sammeln. Bekanntlich blieb dieses Bemühen erfolglos. Von den englischen Aposteln wissen wir, dass sie nach ihren ausgedehnten Reisen quer durch Europa ihre dort gesammelten Eindrücke auswerteten und beschlossen, die besten Formen und Gebräuche der Christenheit zu übernehmen.

Nach langjährigen Bemühungen, die "geschwisterliche Gemeinschaft zwischen Christen und Kirchen verschiedener nationaler, kultureller und gesellschaftlicher Kontexte" zu schaffen, was durch die beiden Weltkriege beeinträchtigt wurde, kam es 1948 schließlich in Amsterdam zur Ersten Vollversammlung und zur Konstituierung des Ökumenischen Rats der Kirchen. Als Selbstverständnis wurde formuliert: "Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die unseren Herrn Jesus Christus als Gott und Heiland anerkennen." (6)

Die römisch-katholische Kirche beteiligt sich erst seit 1961, dem Beginn des 2. Vatikanischen Konzils, durch das auch eine gewisse Öffnung der römisch-katholischen Kirche im Verhältnis zu anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften eingeleitet wurde, an der ökumenischen Bewegung, während die orthodoxen Ostkirchen zum Teil schon seit 1925 an den Gesprächen zur Konstituierung des ÖRK beteiligt waren. Die römisch-katholische Kirche ist bis heute nicht Mitglied im ökumenischen Rat der Kirchen, sondern verfügt über einen "Beobachterstatus", gleichwohl hat ihr Wort großes Gewicht. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die römisch-katholische Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil anderen kirchlichen Gemeinschaften, wie zum Beispiel den protestantischen Kirchen, zugesteht, dass auch in ihnen durch die Taufe "vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind" (7) (völliges Heil bleibt nach ihrer Auffassung jedoch der römisch-katholischen Kirche vorbehalten, Anm. d. Verf.) -dies wird in der im August 2000 durch die Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlichten Erklärung "DOMINUS IESUS" bekräftigt (8).

 

Was bedeutet "Ökumene" heute?

Es ist nicht zu verkennen. dass unter "Ökumene" zeitweise das Bemühen um Schaffung einer einzigen weltweiten christlichen Kirche unter einer einheitlichen Führung verstanden wurde. Heute geht man nicht mehr von einer solchen Form der Einheit aus, sondern vielmehr von der Gemeinschaft der christlichen Kirchen, in der die einzelnen Mitgliedskirchen auf der Basis des Selbstverständnisses des ÖKR insbesondere ihre Mitglieder ermutigen, gemeinsam dem Evangelium zu folgen und es weiter zu tragen, sowie das Verständnis und die Gemeinschaft zwischen den christlichen Kirchen und Gruppierungen zu vertiefen unter Wahrung der Identität der jeweiligen Kirche (9) Dabei hat sich in den letzten Jahren verstärkt der Begriff "Versöhnte Verschiedenheit" heraus kristallisiert. Ein evangelischer Theologe bringt dies wie folgt zum Ausdruck: "Ökumene ist nicht mehr nur die weltumspannende Gemeinschaft aller Christen und Kirchen und die Überwindung des Trennenden, sondern die praktizierte Gemeinschaft, die in Zeugnis und Dienst unterwegs ist zur Einheit der Menschheit unter Christus." (10)

Ohnehin verpflichtet uns das Evangelium Jesu Christi zur Beachtung des Gebotes der Nächstenliebe und damit auch zum Respekt gegenüber anderen kulturellen und religiösen Überzeugungen. Diese am Evangelium ausgerichtete Grundüberzeugungen bezeichnet der bekannte evangelische Theologe Prof. Dr. Helmut Obst als die "Ökumene der gläubigen Herzen" (siehe UF 6/00, Seite 15).

Unter der Berücksichtigung sich verändernder gesellschaftlicher Bedingungen und auf der Basis der Hl. Schrift beschäftigt sich unsere Kirche seit einiger Zeit intensiver mit Fragen der Ökumene und der Möglichkeit einer institutionellen Beteiligung. Damit ist im Auftrag des Stammapostels eine Projektgruppe betraut.

Deutlich gemacht sei an dieser Stelle, dass das Feiern gemeinsamer Gottesdienste oder das Durchführen gemeinsamer Segensspendungen somit keinesfalls Voraussetzung für den ökumenischen Dialog sind.

 

Welches sind die bedeutendsten Institutionen

der "Ökumene" heute?

Aus der Fülle der ökumenischen Institutionen Und Einrichtungen seien nachstehend kurz die zwei bedeutendsten vorgestellt:

Internationale Ebene: Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK)

Nationale Ebene:

In den einzelnen Ländern gibt es Zusammenschlüsse christlicher Kirchen in unterschiedlichen Formen. In Deutschland z.B. die "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen" (ACK). Dabei handelt es sich jeweils um vom ÖRK unabhängige Organisationen zur Förderung der Ökumene auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene.

 

Heutiger Stand unserer Überlegungen

Wir erleben im Laufe der Zeit wesentliche gesellschaftliche Veränderungen, die auch auf unser Glaubens- und Gemeindeleben unmittelbar Einfluss nehmen. So steht das Christentum insgesamt vor einer beachtlichen Bedrohung durch nichtchristliche wie auch durch antichristliche Bewegungen. In weiten Teilen der Weil außerhalb Europas haben sich deshalb Christen verschiedener Konfessionen und Gruppierungen schon zusammengeschlossen, um dem Evangelium wieder mehr Gewicht zu verleihen. In einigen Ländern Asiens und Afrikas ist unsere Kirche für die Unterstützung dieser Organisationen sehr dankbar. Durch diese regionalen Zusammenschlüsse haben wir zum Teil überhaupt erst die Möglichkeit, unseren kirchlichen Auftrag zu erfüllen.

Ferner sind wir durch das Evangelium Jesu Christi zur Nächstenliebe und damit auch zum Respekt gegenüber anderen kulturellen und religiösen Überzeugungen ("Ökumene des Herzens") verpflichtet.

Unser Stammapostel hat im Oktober 1999 die Projektgruppe Ökumene gegründet. Ihr Auftrag ist es zu prüfen, inwieweit heute auf der Basis der "versöhnten Verschiedenheit" und unter Wahrung ihrer Identität eine Mitwirkung der Neuapostolischen Kirche in der Ökumene möglich ist.

Hierzu wurden bereits eine Reihe von Sondierungsgesprächen auf lokaler, nationaler und auch internationaler Ebene mit Einrichtungen und Vertretern ökumenischer Institutionen geführt.

Nicht zuletzt aufgrund der geschichtlichen Entwicklung, auch in unserer Kirche, ist ein Ergebnis im Augenblick noch nicht absehbar. Ausdrücklich betont sei an dieser Stelle, dass wir uns bei all diesen Überlegungen von unserer neuapostolischen Identität und unserem glaubensmäßigen Profil leiten lassen.

Es ist vorgesehen über den Fortgang von Zeit zu Zeit zu berichten.

 

Zusammenfassung

  1. War das Wort Ökumene zunächst eher politisch verstanden, entwickelte es sich in der frühen christlichen Kirche hin zu einem mehr religiös geprägten Begriff.
  2. Durch die Konzilien erlangte der Begriff "Ökumene" den Anspruch der "Rechtgläubigkeit".
  3. Sehr früh beanspruchte die römisch-katholische Kirche die alleinige Führerschaft zunächst gegenüber der orthodoxen Ostkirchen, später auch gegenüber den protestantischen Kirchen.
  4. Heute ist der Begriff Ökumene geprägt vom Leitmotiv der "Versöhnten Verschiedenheit". Dadurch ist zum Einen die Wahrung der Identität der einzelnen Kirche gewährleistet, zum Andern werden doch Möglichkeiten und Wege eröffnet zu einem sinnvollen Gemeinsamen - wo immer dies auf der Basis des Evangeliums möglich erscheint.
  5. Auf dieser Basis und auch unter Berücksichtigung sich verändernder gesellschaftlicher Bedingungen beschäftigt sich die Neuapostolische Kirche heute mit der Ökumene sowie der Möglichkeit einer institutionellen Beteiligung. Ein Ergebnis ist zurzeit nicht absehbar.
  6. Bei all diesen Überlegungen lassen wir uns von unserer neuapostolischen Identität und unserem glaubensmäßigen Profil leiten.

 

Quellennachweis

  1. A. Seigfried, Ökumene, in: "Historisches Wörterbuch der Philosophie", hrsg. v. J. Ritter u.a., Basel 1971 ff, HWP 5, Sp. 1174-1177.
  2. Eusebius, Vita Constantini II, 65
  3. A. Seigfried, in HWP 8, Sp. 1174
  4. J. Modesto, Gregor der Grosse. Nachfolger Petri und Universalprimat, St. Otion 1969, S. 273
  5. P. Neuner, Ökumenische Theologie, Darmstadt 1997, S. 5
  6. Verfassung des Ökumenischen Rats der Kirchen, Genf
  7. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen genitum
  8. Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung "Dominus Iesus" über die Einzigkeit und die Heilsuniversität Jesu Christi und der Kirche, Rom 06.08.2000
  9. Verfassung des Ökumenischen Rats der Kirchen, Genf
  10. Dr. Stefan Durst, evangelischer Pastor, Hamburg
  11. Verfassung des Ökumenischen Rats der Kirchen, Genf

 

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