Artikel "Ueberarbeitete Fassung der "Fragen und Antworten" erschienen"

(publiziert in "Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle fuer
Weltanschauungsfragen", 56. Jahrgang, 1. September 1993, Seiten 276-278)

APOSTOLISCHE GEMEINDEN

(Letzter Bericht: 1991, S.253f) Im Jahre 1908 hatte Stammapostel Hermann Niehaus
(im Amt 1905-1930) erstmals ein "Huelfsbuch" herausgegeben, das "fuer die Priester
und Diener der Neuapostolischen Gemeinden fuer den Religions-Kinderunterricht" be-
stimmt war. 1916 wurde aus diesem Vorlaeufer das ebenfalls von Niehaus herausge-
gebene "Lehrbuch ueber Fragen und Antworten zum Gebrauch fuer den Religions-
unterricht der Kinder und Konfirmanden in der Neuapostolischen Gemeinde". In einer
stark ueberarbeiteten, gestrafften Fassung erschienen die "Fragen und Antworten ueber
den neuapostolischen Glauben
" dann 1938, wobei Stammapostel Johann Gottfried
Bischoff
(1930-1960) im Namen des herausgebenden Apostelkollegiums den Gemein-
degliedern nun empfahl, "den Inhalt des Buches zum Gegenstand von Besprechungen
innerhalb der Familie zu machen". Die Fassung von 1952 schliesslich war leicht umge-
staltet und erweitert, insbesondere um ein Kapitel zur "Entwicklung der Kirche bis auf
die Gegenwart".
Jetzt liegt - nach ueber 4 Jahrzehnten - eine Neufassung vor, die um ein weiteres Ka-
pitel gewachsen ist, das "Zukunft und Ewigkeit" eigens behandelt. Die Neuapostolische
Kirche International (Zuerich) unter dem Vorsitz von Stammapostel Richard Fehr (seit
1988) hat damit statt weiterer Nachdrucke des "bewaehrten" Unterweisungsbuches
eine Neubearbeitung herausgegeben, die nicht nur die Lehre vom "Leben nach dem
Tode" und das "Entschlafenenwesen" aufnahm, sondern auch Segenshandlungen (z.B.
anlaesslich der Verlobung und trauung). Ueberdies wurde der kirchengeschichtliche
Teil umgegliedert und die Darstellung der eigenen Kirche uebersichtlicher gestaltet.

Der Text versucht, unnoetige Schaerfen im Verhaeltnis zu anderen christlichen Glau-
bensgemeinschaften staerker als bisher zu vermeiden. Auf die Frage: "Wer bezeugt,
dass Jesus Christus der vom Vater ausgegangene Sohn Gottes ist?" hatte noch 1952
die abschliessende Antwort gelautet: "Die apostolische Kirche der ersten und heutigen
Zeit." Dem ist 1993 der Zusatz beigefuegt: "Ausserdem bekennnen sich alle christlichen
Kirchen Jesus Christus als den Sohn Gottes." (S. 40) Zudem ist das Bewusstsein er-
kennbar, dass unterschiedliche Auslegungen der Bibel naturgemaess religioese Spal-
tungen und Parteiungen hervorrufen (S. 30). Aber derlei Einsichten wirken sich fak-
tisch keineswegs aus, dass der steile neuapostolische Exklusivanspruch eingeschraenkt
oder oekumenisch relativiert wuerde. Das zeigt ein Vergleich der Antworten auf die
Schluesselfrage nach der Identitaet dieser Sondergemeinschaft. 1916 hatte es noch
geheissen: "Die Neuapostolische Gemeinde ist die Vereinigung der durch die gegen-
waertigen Apostel Jesu Christi gesammelten Glaeubigen, die den dreieinigen Gott in
seinen wesenhaften Offenbarungen bekennen." 1938 wurde etwas selbsbewusster
formuliert: "Die Neuapostolische Kirche ist die wieder aufgerichtete Kirche Christi
nach dem Vorbild des ersten Christentums." 1952 klang die Antwort noch vollmun-
diger: "Die Neuapostolische Kirche ist die Kirche Jesu Christi. Sie ist sein ewiges
Gnaden- und Erloesungswerk auf der Erde, ist von ihm selbst gegruendet und wird
von seinem Heiligen Geist regiert und gefuehrt." Dem entsricht die Neufassung von
1993: "Die Neuapostolische Kirche ist die Kirche Jesu Christi, gleich den aposto-
lischen gemeinden zur Zeit der ersten Apostel. Als das wiederaufgerichtete Erloe-
sungswerk des Herrn wird sie vom Heiligen Geist regiert."

Das Apostelamt selbst gilt als das Amt des Geistes (S. 58 und 102), welches dem
nachapostolischen Fruehchristentum zum Erloeserdienst bereits gefehlt haben soll
(S. 68 und 70). Was ueber die Jahrhunderte der christlichen Kirche bis zum Beginn
der apostolischen Bewegung im Jahre 1830 gesagt wird, ist fast durchweg simpli-
fizierend und polemisierend. Selbst die Reformatoren gelten nur als "Vorlaeufer der
im Ratschluss Gottes vorgesehene Schlusskirche. Ihr menschliches Streben, so edel
es auch gewesen war, konnten den Heiligen Geist und die erloesenden Kraefte Jesu
nicht ersetzen" (S. 74). Demgegenueber wird den Aposteln der Neuapostolischen
Kirche zuerkannt, sie wuerden "das von Jesus begonnene Erloesungswerk" voll-
enden (S. 79). Der Stammapostel gar wird "als Repraesentant des Herrn auf Erden
angesehen" (S. 82). Sie alle, die "mit der Fuehrung des Erloesungswerkes auf Er-
den beauftragten Boten, der Stammapostel und die Apostel, haben zu ihrer Auf-
gabe das aus dem Heiligen Geist kommende Amtsvermoegen empfangen" (S. 11).
Entsprechend wird zwar die Wassertaufe anderer christlicher Gemeinschaften als
ein fuer diese gueltiges Sakrament anerkannt, aber zur "Erlangung der Wiederge-
burt aus Wasser und Geist ist die Bestaetigung dieser Taufe durch den Apostel
oder einen von ihm beuaftragten Amtstraeger Voraussetzung" (S. 93). Ist doch
das neuapostolische Sakrament der Heiligen Versiegelung "die Spendung des Hei-
liugen Geistes und damit der wesentliche Teil der Wiedergeburt" (S. 101). Aus-
druecklich sagt der (leicht geaenderte) 8. Glaubensartikel, "dass die mit Wasser
Getauften durch einen Apostel zur Erlangung der Gotteskindschaft den Heiligen
Geist empfangen muessen, wodurch sie als Glieder dem Leibe Christi eingefuegt
werden" (S. 108). Indirekt wird damit allen Christen ausserhalb der eigenen Ge-
meinschaft die Gotteskindschaft abgesprochen. Das entspricht vollkommen der
Reduzierung der Kirche Christi auf die eigene Organisation, wie das bereits in
obigen Texten zum Ausdruck gekommen ist. Irgendwelche ernsthaften oekume-
nischen Tendenzen kommen praktisch nicht in Sicht.

Ein so exklusives Kirchenverstaendnis muss sich natuerlich der Frage stellen, was
mit den unerloesten Toten geschieht. Darauf antwortet das Buechlein: "Den Ent-
schlafenen wird sonntaeglich durch Apostel das Heilige Abendmahl gereicht. Drei-
mal im Jahr finden besondere Gottesdienste statt, in denen den heilsverlangenden
Seelen die Sakramente der Kirche Christi gespendet werden" (S. 120). Waehrend
man eine Taufpraxis in Stellvertretung fuer Verstorbene zur Not noch mit 1. Kor.
15, 29 begruenden koenne, muss doch spaetestens der Transfer aufs Heilige Abend-
mahl biblisch orientierten Christen zu weit gehen. So wird in "Unsere Familie" (13/
1993) berichtet: "Ein bewegender Augenblick fuer die 747 Geschwister im Saal...,
als die beiden Apostel Leib und Blut Jesu stellvertretend fuer die Seelen im Jen-
seits vom Stammapostel empfingen" (S. 5). Dass der Stammapostel vor jedem
Gottesdienst fuer die Entschlafenen vom "Schluessel des Himmelreichs" Gebrauch
macht, passt ins neuapostolische Bild vom irdischen Repraesentanten Jesu Christi.

Der Gottessohn hat die "Versoehnung der Menschen mit Gott moeglich gemacht",
heisst es in den "Fragen und Antworten" (S. 51). Aber wirklich werde sie erst
durch die Vermittlung des organisationseigenen Apostelamtes, dem selbst die
Geistesgaben untergeordnet (S. 89) bleiben! Das Spezifikum, das der Neuapos-
tolischen Kirche nicht zufaellig ihren Namen gegeben hat, erweist sich also nach
wie vor als schmerzliche Trennmauer im Blick auf die weltweite Christenheit.

Pfarrer Dr. Werner Thiede

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