Artikel aus 'Der Herold' (10. Jahrgang, Nr. 5, 1. Maerz 1964) ueber das Buch: 'Geschichte der Neuapostolischen Kirche'.

Unter diesem Titel ist nach Bischoffs Tod im Verlag Friedrich Bischoff, Frankfurt a. M., ein vom neuapostolischen Apostel Rockenfelder, Wiesbaden, zusammengestelltes und bearbeitetes Buch erschienen, welches derart viele Entstellungen der Geschichte neuapostolischer Kirche aufweist, dass dabei von einer korrekten Geschichtsschreibung wirklich keine Rede mehr sein kann.

Wenn jemand Geschichte schreiben will, dann muss er sich zum mindesten redlich bemuehen, ueber historische Geschehnisse moeglichst lueckenlos zu berichten. Er darf sich dabei nur streng an Tatsachen halten und muss auch die bei eigener Fuehrung und im eigenen Volk vorgekommenen Fehler, die grosse Erschuetterungen hervorgerufen haben, gewissenhaft aufzeichnen. Ein Geschichtswerk hat nur dann Wert, wenn der Historiker leidenschaftslos und objektiv berichtet, wenn er nichts verschweigt und nichts nach irgend einer Seite hin beschoenigt.

Wie wahrheitsliebend berichtet doch das Alte Testament der Bibel ueber die Gecshichte des ersten Bundesvolkes des Herrn! Dieses Alte Testament ist so objektiv und von Wahrheitsliebe durchdrungen geschrieben, dass es alle Geschichtsschreiber zum Vorbild nehmen koennen. Im Alten Testament wird von grossen Taten, vom wunderbaren Glauben, vom heren Gootvertrauen und vom herrlich vorbildlichem Handeln grosser Gottesmaenner berichtet; aber es wird auch nicht verschwiegen, dass selbst die groessten unter diesen Gottesmaennern von Gott beklagte, sehr bedauerliche Suenden begangen haben. Wir erinnern an Noah, an Abraham, an Jakob, an Mose, an David, an Salomo, an viele Koenige Israels und Judas, an etliche Propheten. Von diesen hochgeachteten Gottesknechten ist in der Bibel hervorragend Gutes, aber auch sehr suendhaftes Verhalten mitgeteilt. Und das alles, um sowohl aus dem gottesfuerchtigen Tun als auch aus dem gottlosen Betragen solcher fuehrenden Maenner heilsame Lehre zu ziehen. Und gerade darum, weil die Bibel so wahrheitsgetreu alles, auch das fuer Gottes Volk und des Volkes Fuehrung Negative, enthaelt, ist sie das glaubhafteste Buch, das je geschrieben worden ist.

In dem Buch "Geschichte der Neuapostolischen Kirche" sind ueberaus wichtige Begebenheiten, die sich in der Neuapostolischen Kirche zugetragen haben, einfach weggelassen oder sehr entstellt wiedergegeben. Manches ist in dem Buch recht mangelhaft und anderes gaenzlich unrichtig beschrieben. Eine sehr grosse Anzahl Apostel, die in der Neuapostolischen Kirche gewirkt haben, sind gar nicht erwaehnt. Besonders aber sind die vielen Apostel, die jahrelang in der Neuapostolischen Kirche segensreich geschafft haben und die in liebloser Weise von der Kirchenleitung ausgeschlossen worden sind, totgeschwiegen. ueber die Spaltung der Kirche in den Jahren 1954/55 ist absolut tendenzioes, unrichtig und gehaessig berichtet.Wir wollen heute nur einige wenige Unrichtigkeiten, die dieses Buech enthaelt, klarstellen. Spaeter kommen wir vielleicht ausfuehrlicher auf diese "Geschichte" zurueck.

Im zehnten Teil des Buches heisst es auf Seite 98: "Zur Zeit des Apostels Schwarz, von dem bereits im achten teil berichtet wurde, war die Bezeichnung 'Stammapostel' noch unbekannt. Er ist als der erste Apostel der Neuapostolischen Kirche anzusehen, weil er im Jahre 1863, dem Jahr der Trennung der Apostolischen Kirche in die alte und neue Richtung, durch Weissagung zum Apostel berufen wurde."

Das ist eine aehnliche Geschichtsentstellung, wie sie bereits in dem fuer das Jahr 1951 im Verlag Friedrich Bischoff erschienenen Kalender in dem Artikel "An Christi Statt" zu lesen war. In jener Abhandlung hatte man sogar die Sendung der englischen Apostel und die Trennung von der unter ihrer Leitung stehenden Kirche uebergangen und die Apostolische Kirche der Endzeit mit apostel Schwarz beginnen lassen.

Wir verweisen diesbezueglich auf das Neuapostolische Geschichtswerk "Alte und neue Wege". In diesem wird Apostel Schwarz mit Recht als einer der bedeutendsten Apostel der Neuen Ordnung geschildert, keinesfalls aber als der erste Apostel dieser jungen Gemeinde und erst recht nicht als der erste Stammapostel genannt. Auf Seite 272 dieses Buches ist zu lesen, dass Bischof Schwarz den am 10. Oktober 1862 in Koenigsberg ins Apostelamt gerufenen seitherigen Aeltesten Rosochasky im Januar 1863 der Hamburger Gemeinde als Apostel vorgestellt hat. (Apostel Rosochasky ist dann allerdings unmittelbar hiernach von seinem Apostelamt zurueckgetreten, hat also praktisch keine Apostelarbeit ausgeuebt.) Aber wir lesen weiter in "Alte und neue Wege", dass Priester Preuss einige Monate danach (wahrscheinlich im April 1863) anstelle Rosochaskys zum Apostelamt berufen wurde, und dass Bischof Schwarz sich unter Apostel Preuss stellte. Erst am 2. Pfingsttag, dem 27. Mai 1863, wurde auch Bischof Schwarz als Apostel gerufen.

In dem Abschnitt "Die Neuapostolische Kirche in den aussereuropaeischen Laendern", den das eingangs erwaehnte Buch enthaelt, erscheint eine so verstuemmelte Berichterstattung, dass jeder Eingeweihte deutlich erkennt, wie man ueber Ereignisse, die kein Ruhmesblatt in der Neuapostolischen Geschichte sind, hinweggeht. Auf Seiten 147-148 heisst es: "Im Jahre 1910 wanderten einige deutsche geschwister nach Australien aus. Unter ihnen befand sich auch der spaetere Apostel Dietz. Auch mehrere Jahre vorher waren schon einige Familien nach Australien gekommen. Im Jahre 1933 weilte Apostel Dietz in Deustschland, wo in einem Gottesdienst am 30. Juli 1933 seine briefliche Aussonderung zumApostel durch die Handlung bestaetigt wurde."

Warum wird denn verschwiegen, dass bereits im Jahre 1883 H.F. Niemeyer als Evangelist nach Australien gesandt, am 26. Juli 1886 in Osterode als Apostel fuer australien gerufen und ausgesondert worden war und dann Jahrzehnte lang segensreich in Australien gearbeitet und eine grosse Gemeinde gesammelt und bedient hatte? Und weshalb wird verschwiegen, dass er, etwa 1911, ausgeschlossen worden ist?

Auf Seite 144 ist folgendes ueber Suedafrika geschrieben: "Im Jahre 1905 war die erste Kunde von dem wiederaufgerichteten Gnadenwerk unseres Gottes von Australien nach Suedafrika gedrungen. Es entstanden einige Gemeinden ..." Man vergleiche mit diesem, was auf Seite 339 von "Alte und Neue Wege" steht, wo es also lautet: "Von Australien aus wurde das apostolische Missionswerk auch nach Afrika getragen durch einen Deutschen namens Klibbe,der laengere Zeit als Farmer in Queensland gelebt hatte und von Niemeyr geistlich erzogen, im Jahre 1893 von ihm als Apostel nach Suedafrika ausging, nachdem er in Australien ausgesondert war." - - Klibbe wurde um 1913 aus der Neuapostolischen Kirche ausgeschlossen. Warum?

Auf den Seiten 148 und 149 ist ueber Nordamerika und Kanada zu lesen, nur ist daselbst mit keinem Worte gesagt,dass im Jahre 1864 Apostel Hohl in Hamburg ausgesondert und nach Nordamerika gesandt wurde, ebenso, 1897, Apostel Hoekstra.

Bei der Schilderung der Entwicklung der Neuapostolischen Kirche in Suedamerika auf den Seiten 146-147 liets man nichts davon, dass Apostel Faber im Jahre 1900 berufen und fuer Argentinien ausgesondert wurde. Dass Apostel Gantner ab 1939 und Apostel Toplisek ab 1944 in Argentinien wirkten, und weiter, dass, ebenfalls in Suedamerika, die Apostel Rufenacht und Glessmann taetig waren, wird bei dieser "Geschichtsschreibung" nicht aufgezeichnet. Und die Gruende hierfuer?

Nun, man hat bei diesem Buchschreiben offensichtlich nicht den Mut gefunden, auch einmal mit ehrlichem Bedauern zuzugeben, dass manche betruebliche Episode neuapostolischer Geschichte bei allseits mehr bruederlichem Sinn haette vermieden werden koennen. Man hat sich nicht dazu aufgerafft, auch von hoechster Fuehrung gemachte schlimme Fehler zuzugestehen und daraus nicht nur Lehre zu ziehen, sondern auch moegliche Wiedergutmachung zu erstreben.

Gaenzlich unbegreiflich aber ist, dass in diesem - - nach Bischoffs Tod neu ueberarbeiteten - - Buch immer noch die "Botschaft", dass Jesus zur Lebzeit Bischofs wiederkommen wuerde, hoch gepriesen wird, obwohl doch der Herr mit dem Tod Bischoffs diese "Botschaft" gruendlich widerlegt hat und jedem Wahrheitsliebenden dadurch klar gworden ist, dass Bischoffs "Botschaft" niemals goettlicher Herkunft war.

Doch ehe man an die eigene Brust schlaegt und den Riesenschaden, welche die Botschaft angerichtet hat, tief bedauert und moeglichst wieder gutzumachen trachtet, was so unsagbar viele Traenen und Herzeleid ausgeloest hat, wird ueber die Maenner, welche die Stammapostelbotschaft zur Zeit nicht predigten und deshalb mit dem Stammapostel in Konflikt kamen, in ueberaus abfaelliger Weise geschrieben und dazu fuer die Nichterfuellung der Stammapostelbotschaft eine ganz und gar absurde Erklaerung gegeben:

Auf Seite 140 steht geschrieben: "so war das Jahr 1960 gekommen, das ueber das Volk des Hern die bisher schwerste Glaubenspruefung bringen sollte. Am Ostermontag erkrankte der Stammapostel Bischoff, der tags zuvor noch in Essen den versammelten Bruedern und Geschwistern gedient hatte. Und als sich sein Zustand trotz aerztlicher Behandlung nach laengerer Zeit nicht bessern wollte, begab er sich in die Pflege eines neuapostolischen Arztes, bei dem er voellige Wiederherstellungerhoffte. Am 6. Juli 1960 hat ihn der Herr gleich einem Mose vor Erreichen des Zieles abberufen... Es steht fuer alle Gotteskinder fest, dass der Stammapostel die Wahrheit gesagt hat, als er verkuendete, der Herr habe ihm offenbart, er wuerde noch in der Zeit seines Lebens kommen; denn er selbst hat bis zuletzt zu dieser Botschaft gestanden."

Eine als unwahr erwiesene Sache soll also dadurch zur Wahrheit werden, dass jemand solche bis zuletzt geglaubt hat???

Wenn wir Menschen Fehler machen - - und wir machen alle welche - -, und wenn wir Irrtuemern unterliegen - - und jeder Mensch irrt - -, so ist das fuer uns immer betruebend. Aber viel aerger ist es, wenn man Fehler nicht eingesteht und von Irrtuemern nicht Abstand nimmt.

Wenn neuapostolische Apostel Sorge haben, durch ein Eingestaendnis ihres Irrtums und eine Revision ihrer Fehler bei ihren Glaubensgeschwistern das Vertrauen zu verlieren, so sind wir der Meinung, dass gerade solche Einkehr und Umkehr Glaubwuerdigkeit ihrer Worte nach sich zoege. Und schliesslich ist doch die Bereinigung der ganzen Botschaftsangelegenheit vor Gott und allen Bruedern und Geschwistern noch viel wichtiger als etwaiger Verlust an Ansehen vor Menschen.

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