Brief (4.9.1996) von Erwin Meier-Widmer an Stammapostel Fehr

Zitat:
"Homo homini lupus" oder "Es liegt in der Natur des Menschen, so er un-
kontrollierte Blankovollmacht beansprucht, dass er sie fuer persoenliche Vor-
teile und egoistische Ziele missbraucht".


Lieber Richard,

in der Beilage sende ich Dir die angekuendigte analytische Expertise ueber die Bot-
schaft des Stammapostels J.G. Bischoff. Als Facit widerlegt sie den seit Jahrzehnten
von der Neuapostolischen Kirche vertretenen Standpunkt, seine damalige Botschaft
waere goettlichen Ursprungs. Es werden drei direkte Beweise aufgefuehrt. Der erste
besagt, was die Botschaft nicht ist (sie ist nicht goettlich), der zweite, was sie ist (Ent-
wicklung einer menschlichen Vorstellung) und der dritte befasst sich mit der Ursache
fuer diese Entwicklung (Krankheit).

Als Quellentexte dienen einzig Publikationen aus dem neuapostolischen Schriftgut, d.h.
es handelt sich um Texte, die fuer jedermann zugaenglich sind und von der Neuapos-
tolischen Kirche sanktioniert und unwidersprochen sind. Sie sind zwar einzeitig, aber
aus meiner Sicht hinreichend, um die Botschaft als menschliche Idee zu erkennen und
zu beweisen. Fuer den Fall, dass Du, lieber Richard, Einwaende vortragen moechtest
- und das sei Dir gestattet -, wuensche ich Zugang zu den Archiven, um auf den Origi-
nal-Schriftverkehr, Protokoll, Beschluesse und die Satzungen des Apostelkollegiums
der damaligen Zeit et cetera greifen zu koennen. Es liegt mir an sachlicher Objektivitaet,
die beide Seiten hoert, statt bisheriger fanatischer Dogmatik und Schuldzuweisungen
mit konsekutiver Bestrafung. Ich komme zum Schluss, dass sich die Kirchenleitung
grosse Schuld aufgeladen hat, die es gilt einzusehen und - in einem zweiten Schritt -
abzutragen, so gut dies noch moeglich ist. Anders ist eine gottgesegnete Weiterent-
wicklung nicht vorstellbar. Steigende Mitgliederzahlen sind erwiesenermassen kein
Gradmesser fuer die Goettlichkeit kirchlicher Doktrin.

Fuer Deine Stellungnahme raeume ich Dir gerne genuegend Zeit ein. Bitte teile mir
ein Datum mit. Ich denke an eine Frist von 9 Monaten.

Nun zu Dir selber: Im Gottesdienst vom 10. Dezember 1995 in Nuertingen hast Du an-
laesslich Deiner Stellungnahme zur Kritik an der Neuapostolischen Kirche den Satz ge-
praegt: "Wir lassen uns nicht auf die Anklagebank setzen". Du hast mit Deiner Aus-
sage sehr treffend die stammapostolische Haltung der letzten 100 Jahre widergegeben.
Aber leider entspricht sie mit Sicherheit nicht der Jesulehre, und dieser Satz entstammt
auch nicht dem Heiligen Geist. Du hast Dir in den vergangenen Jahren am Altar einige
Unzulaenglichkeiten zuschulden kommen lassen, (obwohl Du die Inhalte Deiner Predigt
leider vorbereitest), die nicht laenger uebersehen werden duerfen. Deine z.T. saloppen
und Anstoss erregenden Aussagen oder Unwahrheiten laufen zunehmend Gefahr, von
den Aposteln in Masstab 1 : 1 uebernommen zu werden. Weil Du allen Amtstraegern,
und natuerlich auch allen Gotteskindern, in jeder Hinsicht ein Vorbild und ein Meister
sein sollst, erwarte ich von Dir, dass Du den oben zitierten Satz oeffentlich zurueck-
nimmst. Mir persoenlich moegest Du bitte schriftlich mitteilen, dass Du sehr wohl bereit
bist, Dich - den Worten Jesu entsprechend und den ersten Apostlen gleich - auf die An-
klagebank zu setzen und Dich zu verantworten, dass Du bereit bist, Rechenschaft ueber
Dein Haushalten abzulegen (nicht nur gegenueber den in einem Abhanegigkeitsverhaelt-
nis stehenden Delegierten) und, wenn es sein muss, Dein Leben zu lassen fuer die Sache
Jesu. Indem ich annehme, dass Dir dieses Bekenntnis keine langen Ueberlegungen kos-
ten wird, erwarte ich eine umgehende Antwort. Du gibst mir damit zu erkennen, dass
Du bereit bist, begangene Fehler einzusehen und Korrekturen anzubringen.

Im weiteren habe ich die Publikation im Schweizerischen Nachrichtenmagazin FACTS
ueber Dein Einkommen nachgeprueft. Dein Reineinkommen betraegt
   : 1993:    SFr. 208.000.--
    1994:    SFr. 269.800.--    Zuwachs: SFr. 61.800.-- jaehrlich
    1995:    SFr. 302.400.--    Zuwachs: SFr. 32.600.-- jaehrlich
Dies entspricht einer Steigerung des Reineinkomens von SFr. 7.866.-- pro Monat inner-
halb zweier Jahre auf SFr. 25.200.--. Ich bitte Dich um eine Erklaerung.

Mit vielen Gruesse, Dein

(gez.) Erwin

Beilage: Analytische Expertise.

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