Brief (21.7.1960) von Br. Schreckenberger an Ap. Fritz Bischoff ueber "die
Botschaft" von Stammapostel Bischoff
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(publiziert in "Der Herold", Halbmonatsschrift zur Pflege apostolischen Glaubens, Nr. 23,
Sechster Jahrgang, 1. Dezember 1960, Seiten 185-188)

Nachstehender Brief wurde Apostel Kuhlen abschriftlich zur Kenntnisnahme uebersandt:

Ludwigshafen a. Rh., den 21. Juli 1960

Lieber Apostel Bischoff!

In einer Stunde tiefer Besorgnis um die Entwicklung unserer Kirche und das namenlose
Elend, das ueber ihre Glauebigen hereingebrochen ist, draengt es mich, mit Ihnen zu
sprechen.

Fuer jeden ernstdenkenden, verantwortlichen neuapostolischen Christen stellt sich nach den
letzten Ereignissen die unausweichliche Frage nach der Wahrheit unseres Glaubenswerkes.
Die Glaubwuerdigkeit unserer Lehre ist aufs tiefste erschuettert. Die Kirche ist zum
Gespoett der Welt geworden. Die Glaubensgeschwister schauen nach qualvollen Tagen der
bittersten Enttaeuschung und Verzweiflung nach einem Wort der Kraft und der Staerkung
aus. Wenn wir zwar noch nicht voellig den Schock der letzten Tage ueberwunden haben, so
scheint mir doch, dass nunmehr die Zeit der unerbittlichen Besinnung gekommen ist. Sie
wird uns aber nur weiterhelfen und vor Gott bestehen lassen, wenn uns die Wahrheit mehr
bedeutet als persoenliche Bindungen und aengstliche Ruecksichtnahme. Sie duerfen meiner
persoenlichen Anteilnahme an Ihrem unglaublich harten Geschick gewiss sein. Es darf uns
aber nicht hindern, die Entwicklung des Neuapostolischen Glaubenswerkes mit rueckhalt-
loser Offenheit zu sehen. Es steht zuviel auf dem Spiel. Nur, wenn wir den uner-
schrockenen Mut aufbringen, die Situation unserer Kirche vorbehaltlos zu erkennen,
duerfen wir hoffen, dass Gott uns aus diesen Tagen des Elends herausfuehren wird.

Ich darf Ihnen nicht verschweigen, dass meine Freunde und mich die bisherigen
Aeusserungen der Apostel und der dienenden Brueder, soweit sie uns zugaenglich waren,
nicht befriedigen konnten. Sie haben die Sorge vermehrt, dass unsere Kirche die letzten
Ereignisse noch immer nicht verstehen will.

Der einfache Tatbestand, dass das, was unsere Kirche, und ich mit ihr, seit fast einem
Jahrzehnt den Glaeubigen und auch der Welt verkuendet haben, nicht in Erfuellung gegangen
ist, scheint nicht begriffen zu werden. Lieber Apostel, wir kommen nicht an der Tatsache
vorbei, dass wir alle, mehr oder weniger, fuer die heutige Entwicklung verantwortlich
sind. Moegen wir unsere Gutglaeubigkeit noch so sehr beteuern, es aendert nichts daran,
dass wir Irrlehrer waren, dass wir tausendfaeltige Hoffnungen weckten, die unbarmhaerzig
enntaeuscht wurden.

Alle Mutmassungen und dunkle Gleichnisse mit Mose und Abraham muessen verstummen ange-
sichts des unabaenderlichen Umstandes, dass die zum obersten Glaubenssatz erhobene Lehre,
dass Christus zu Lebzeiten des Stammapostels kommen wird, falsch war.

Es besteht fuer mich kein Grund, an der Aufrichtigkeit des Stammapostels, Ihres Vaters,
zu zweifeln. Man verkennt aber das Gewicht der unerbittlichen objektiven Sachlage, wenn
die Apostel nunmehr zu der Vorstellung Zuflucht nehmen, Gott koennte seinen Plan geaendert
haben, oder dass es uns ja nicht geschadet habe, an die Botschaft zu glauben, oder auch,
dass das bittere Ereignis zur letzten Pruefung bestimmt sei. All das war nicht Inhalt
unserer Lehre. Ihre Aussage war ganz eindeutig. Wir muessen es hinzunehmen lernen, dass
unsere Prophetie ebenso eindeutig nicht in Erfuellung ging.

Es ist muessig, nach der persoenlichen Schuld fuer die Entwicklung zu fragen. Halten wir
uns an Tatsachen. Tatsache war, dass die Botschaft des Stammapostels die Kroenung unseres
Hoffens und Sehens bedeuten konnte, dass sie einem allgemeinen Beduerfnis des modernen
von der absoluten Vernichtungsmoeglichkeit bedrohten Menschen nach Sicherheit und Gebor-
genheit und dem religioesen Beduerfnis nach Hingabe an einen uebermenschlichen Fuehrer
entsprach. Wir kommen nicht umhin, die Botschaft und unseren Glauben an sie als Frucht
unseres unkontrollierten Sehnens und Hoffens, unserer Ungeduld zu erkennen. Dieser
Geist der Ungeduld, des blinden uebersteigerten Sehnens, kennzeichnet die leidvolle Ge-
schichte unserer jungen Kirche. Vielerlei Irrungen und Spaltungen waren ihr dadurch
beschieden.

Es ist unerbittliche Tatsache, dass sich Gott zu unserem Rufen und Schreien, zu unserem
fanatischen Auferstehungsdraengen nicht bekannt hat. Es ist nicht zu uebersehen, dass
wir uns immer wieder zu Offenbarungen und Prophetien verstiegen haben, die nur schwerlich
eine biblische Grundlage fanden. Sie erwiesen sich insoweit allesamt als Illusionen.

Haben wir es denn noetig, uns immer wieder in selbstzerstoererisches Wunschdenken, in
fragwuerdige Weissagungen zu fluechten? Hat uns Gott nicht vor allen Glaubenshuegeln
dieser Zeit reichlich gesegnet? Lebt nicht ein unbezwingbarer Glaube, viel einfaeltiger
Sinn und ehrliches Ringen in unseren Herzen? Hat uns Gott nicht ein grenzenloses Ver-
trauen in seine Allmacht und Barmherzigkeit, in die Erloeserkraft seines Sohnes Jesu
Christi geschenkt? Muessen wir immer wieder zu den Mitteln weltbewegender Wunder grei-
fen und uns im Erbe unserer Tage, dass wir uns auf das Eigentliche und Wesentliche unserer
Berufung besinnen, dass wir die grosse Verantwortung auf uns nehmen, die uns vor den
Geschwistern aber auch vor der Welt zukommt. Die Zeit der tiefen Erschuetterung gibt uns
die unaufschiebbare Gelegenheit, in gewaltigen inneren Anstrengungen den Bankrott unseres
Botschaftsglaubens zu liquidieren. Nichts kann mehr schaden, als aengstliche Beschoeni-
gung, beschaemte Negierung unserer Niederlage oder gar ratlose, unglaubwuerdige Mut-
massungen. Die Worte von Stammapostel Schmidt im Frankfurter Gottesdienst am 10. Juli
1960, dass wir heute noch zu dem Wort stehen, was wir bisher gesprochen haben und keines
davon zuruecknehmen brauchten (so laut Bericht, Blatt 4), koennen m. E. nur unter dem
nicht bewaeltigten Eindruck der vorausgegangenen Ereignisse gesprochen sein.

Die Zeit, die Kirche an Haupt und Gliedern zu reformieren, ist gekommen. Soll die Kirche
unserer zahllosen Opfer fernerhin wert sein, so muss sie die Zeichen der Stunde erkennen.
Finden wir zurueck, zum wahren Glauben unserer Vaeter, zur wahren Freiheit, die allein im
aufrichtigen Streben nach der Wahrheit in Christo liegt. Wecken wir den Geist echter
bruederlicher Liebe und wahrhaftiger Demut, dann wird sich Gott zu unserem Streben be-
kennen. Es ist not, dass wir an der unendlichen Geduld Gottes lernen, die sich von uns
keine Grenzen setzen laesst. Sprengen wir doch die Fesseln unserer Zwangsvorstellungen
und machen wir uns frei fuer das wahre Wirken Gottes. Schmaelern wir nicht die Verant-
wortung in unserer Zeit, indem wir uns im aengstlichen Bangen um unser eigenes Seelenheil
verzehren. Fassen wir die ganze Wahrheit: In Christo eine neue Kreatur zu werden und
mitzuhelfen, Gottes Reich "in dieser Welt" zu begruenden. Scheuen wir doch nicht die Muehe,
uns mit den zahllosen Alltagsproblemen unseres Daseins auseinanderzusetzen und offen zu
sein fuer alle Noete unserer Zeit. Oft musste ich eine erschreckende Gleichgueltigkeit
gegenueber den Problemen und Lasten unserer Tage feststellen. Man wollte nicht sehen,
dass uns das "Dasein" aufgegeben ist. Tragen wir nicht auch die Verantwortung fuer all
die gewaltigen geistigen Auseinandersetzungen, die unsere Zeit beherrschen? Wir haben
es vorgezogen, uns zu isolieren und in chiliastischen Vorstellungen zu verbrauchen. Treten
wir heraus aus der Enge des Sektentums und nehmen wir die Last des "Daseins" auf uns. In
der Offenheit fuer alle Fragen und in der kraftvollen Auseinandersetzung wird die Ver-
heissung Christi, wiederzukommen, einen neuen, tiefern Sinn erfahren.

Und vor allem, lieber Apostel, seien wir doch besonnen und wachsam. Schaffen wir
Vorkehrungen, dass wir nicht wieder unsere Kraefte in nutzlosem Hoffen und unduldsa-
mem Streit vergeuden. Ich denke dabei an die Notwendigkeit, die Kirchenverfassung einer
gruendlichen Revidierung zu unterziehen. Es darf nicht mehr vorkommen, dass die Grund-
lagen der Lehre und des Kultus ohne Beschlussfassung eines Kollegialgremiums festgelegt
und verkuendet werden. Der Einzelne ist heute zu gefaehrdet, als dass er eine ausrei-
chende Gewaehr fuer die Wahrheit bieten kann. Wir sollten uns darauf besinnen, dass
der Stammapostel der Urkirche ein "primus inter pares", der Erste unter gleichgestell-
ten Aposteln, war. Er sollte uns darin als Vorbild dienen, nicht die Gottesmaenner des
alten Bundes in autoritaeren Zeiten, zu denen wir uns zunehmend gefluechtet haben.

Unsere vornehmste Aufgabe in diesen Tagen muss weiterhin sein, die Vereinigung mit den
Maennern und Geschwistern herbeizufuehren, die sich um der Botschaft willen von der Kirche
trennen mussten. Ich muss Ihnen gestehen, dass mir und meinen Freunden das Wissen um
diese Maenner, die wachsamer und besonnener waren als wir, in den bittersten Tagen unse-
res Lebens Trost und Hoffnung war. Wir kommen nicht umhin, anzuerkennen, dass sie das
wahre Erbe der Kirche bewahrt und fortgepflanzt haben.

Ich habe zum erstenmal in diesen Tagen Naeheres von den Vorgaengen erfahren, die zu der
unseligen Trennung mit diesen Geschwistern fuehrten. Es ist zwar unnuetz, heute den Schmerz
und die Bitterkeit aufzuruehren, welche diese Vorgaenge ausloesten. Sie muessen uns aber
um der Wahrheit willen eine ernste Mahnung fuer die Masslosigkeit unserer Verblendung sein.
Es ist nicht nur heilige Pflicht, schweres Unrecht gutzumachen. Die Kirche hat diese Maen-
ner, die ihren unbeugsamen Willen zur Wahrheit behauptet haben, bitter notwendig. Reichen
wir freimuetig diesen Maennern die Hand. Schaemen wir uns nicht, von ihnen zu lernen. Es
hat sich erwiesen, dass Gott mit ihnen war. Begraben wir Hass und Unversoenlichkeit. Es
ist fuer meine Freunde und mich eine selbstverstaendliche Forderung, dass die ausgestossenen
Apostel und Amtstrager wieder ihr Amt in der Kirche auszuueben haben. Die Kirche kann sich
befehdende Brueder nicht leisten. Sie braucht diese Kraefte, wenn sie sich noch einmal von
ihrer toedlichen Krankheit erholen will.

Es waere das wahrhafte Zeichen vor den Geschwistern und der Welt, dass in unserer Kirche
der Geist der Wahrheit, die Kraft Gottes nicht untergegangen sind. Lieber Apostel, glauben
Sie mir, dass viele ernstdenkende Geschwister auf dieses Zeichen eines echten, wahrhaftigen
Beginnens warten.

Es muss jeder verantwortlichen Mitbruder mit quaelender Sorge erfuellen, wenn er statt
dessen in Amtstraegern Abneigung und Unversoenlichkeit gegen diese Maenner feststellen
muss. Haben diese denn noch immer nicht begriffen, dass die Kirche voellig geschlagen
darniederliegt. Geht ihnen die persoenliche Stellung in der Kirche ueber die Wahrheit und
das geistige Schicksal Tausender von Seelen? Wollen diese dabeibleiben, die Seelen mit
allerlei Ausfluechten zu besaenftigen? Es waere ein Werk, das auf der geistigen Traegheit
und leichtglaeubigen Vergesslichkeit des Volkes aufgebaut waere; es haette sich der bes-
ten Kraefte entbloesst. Es sollte uns nicht der Schein aeusseren Friedens und der noch
immer hohen Zahl der Kirchenbesucher taeuschen. Den beschwerlichen Beweis, dass uns die
Wahrheit mehr bedeutet als unsere Lieblingsvorstellungen, dass Gott mit uns ist, haben
wir noch immer zu erbringen. Ihre sich verantwortlich fuehlenden Geschwister warten noch
immer in tiefer Erschuetterung.

Lieber Apostel, mag in der Erregung manches Wort allzu hart ausgefallen sein, es sollte
Sie nicht verletzen. Nach den bitteren Enttaeuschungen der letzten Wochen setzen meine
Freunde und ich erneut das Vertrauen in Ihren oft bewaehrten nuechternen Geist. Moechte
Gott Ihnen reichlich die Kraft schenken, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen!

In der Hoffnung, dass Sie bald ein Wort der Entgegnung finden moegen, gruesst Sie in
Christo,

gez. W. Schreckenberger

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